Ein Spiel mit Geschichte – und einem Brett wie kein zweites
Zwei Dreiecke, an ihren Spitzen verbunden, dazwischen ein einzelner freier Punkt: Das Spielbrett von Felli (arabisch فيلي) sieht aus wie eine Sanduhr und ist damit eine echte Rarität in der Welt der abstrakten Strategiespiele. Das Spiel stammt aus Marokko und wird seit Generationen in weiten Teilen Afrikas gespielt – nun bringt es eine neue iOS-App auf iPhone und iPad.
Das Prinzip ist schnell erklärt und erinnert an Dame: Auf 13 Schnittpunkten verteilen sich zwölf Steine, sechs pro Spieler. Gezogen wird entlang eingezeichneter Linien, geschlagen wird durch Überspringen eines gegnerischen Steins. Wer alle gegnerischen Steine schlägt oder den Gegner bewegungsunfähig macht, gewinnt. Doch hinter dieser scheinbaren Einfachheit verbirgt sich eine überraschende taktische Tiefe – die App selbst formuliert es treffend: „So einfach, so tief.“
Die Regeln in zwei Minuten
Felli lebt von wenigen, klaren Regeln. Ein Stein zieht auf einen freien Nachbarpunkt entlang der Linien. Steht ein Gegner direkt daneben und ist das Feld dahinter frei, wird er übersprungen und geschlagen. Entscheidend für die Taktik: Schlagen ist Pflicht. Wer schlagen kann, muss schlagen – und wer eine Schlagkette beginnen kann, muss sie bis zum Ende führen. Genau diese Zwangsmechanik macht Felli so anspruchsvoll, denn ein unbedacht angebotener Stein kann den Gegner zu einer ganzen Kette von Schlägen verpflichten.
Ein besonderes Highlight ist der Mullah-Modus. Erreicht ein Stein die gegnerische Grundreihe, wird er zum Mullah – vergleichbar mit der Dame im internationalen Damespiel. Er zieht beliebig weit über gerade Linien und schlägt Gegner auch aus der Distanz. Ein elegantes Detail: Landet ein Stein während einer Schlagkette auf einem Beförderungsfeld, kann aber weiterschlagen, wird die Beförderung bewusst verzögert – erst am Ende des Zuges steigt er zum Mullah auf.
Eine KI, die sich selbst trainiert
Das technisch spannendste Element von Felli ist seine künstliche Intelligenz. Drei Schwierigkeitsstufen – Lehrling, Krieger und Meister – fordern Einsteiger wie Fortgeschrittene heraus. Im Kern arbeitet die KI mit einem klassischen Minimax-Algorithmus samt Alpha-Beta-Pruning und sogenanntem Iterative Deepening: Sie durchsucht den Spielbaum schrittweise immer tiefer, bis ihr Zeitbudget aufgebraucht ist, und merkt sich dabei stets den besten gefundenen Zug.
Wirklich besonders wird es beim Lernen. Felli enthält einen Self-Play-Trainer, der nach dem Prinzip des Hill-Climbing arbeitet. Vereinfacht gesagt: Die aktuelle Bewertungsstrategie (der „Champion“) tritt gegen eine leicht veränderte Variante (den „Challenger“) an. Beide spielen mehrere Partien gegeneinander, wobei die Farben wechseln, um einen Farbvorteil auszuschließen. Gewinnt der Challenger häufiger, wird er zum neuen Champion – und die KI ist ein kleines Stück stärker geworden. Dieses Training läuft im Hintergrund, solange die App geöffnet ist, und wird automatisch gestoppt, sobald sie in den Hintergrund wechselt.
Damit die App dabei stets reaktionsschnell bleibt, setzen die Entwickler auf eine dreistufige Sicherheitsarchitektur für die Denkzeit: ein engine-internes Zeitlimit, einen externen Abbruch nach einem harten Limit von fünf Sekunden und – als letzte Reserve – einen zufälligen gültigen Zug, falls die Engine bis dahin nichts geliefert hat. In der Praxis braucht die KI selbst auf der höchsten Stufe meist deutlich unter einer Sekunde, denn bei nur 13 Feldern bleibt der Suchbaum überschaubar.
Vier Sprachen – mit echtem Respekt für die Herkunft
Felli ist vollständig lokalisiert in Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch. Die Sprache richtet sich automatisch nach der Geräteeinstellung: Ein Gerät in Marokko startet auf Arabisch, eines in Frankreich auf Französisch, in Deutschland auf Deutsch – andernfalls auf Englisch. Manuell lässt sich die Sprache jederzeit umstellen, wobei jede Sprache in ihrem Eigennamen erscheint.
Bemerkenswert ist die Liebe zum Detail bei der arabischen Variante: Hier wird das gesamte Interface konsequent von rechts nach links gespiegelt (RTL). Damit fühlt sich das Spiel passend zu seiner marokkanischen Herkunft authentisch an – ein Aspekt, der bei vielen Apps gern vernachlässigt wird.
Durchdacht bis ins Detail
Abgerundet wird das Paket durch zahlreiche Komfortfunktionen: ein interaktives Tutorial in sieben illustrierten Schritten, ein lokaler Zwei-Spieler-Modus auf einem Gerät, frei wählbare Spielernamen, eine detaillierte Statistik sowie Dark- und Light-Mode. Beim Thema Barrierefreiheit setzt Felli auf VoiceOver-Unterstützung und pulsierende Highlights, die auch für Menschen mit Farbfehlsichtigkeit gut erkennbar sind. Optisch sorgen warme Holztexturen und marokkanische Zellige-Mosaikmuster für Atmosphäre.
Felli ist mehr als nur die Digitalisierung eines alten Spiels. Die App verbindet ein faszinierendes kulturelles Erbe mit moderner, durchdachter Technik – von der selbstlernenden KI über die kompromisslose Mehrsprachigkeit bis hin zur sauberen Code-Architektur. Wer ein abstraktes Strategiespiel mit echtem Tiefgang sucht und sich nebenbei für die Technik dahinter interessiert, findet hier ein rundes, werbefreies und kostenloses Gesamtpaket. Ein leiser, aber überzeugender Beweis dafür, dass gute alte Spielkultur und Hightech keine Gegensätze sein müssen.
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